Kapitel 2 - Grundlagen
OSI-Referenzmodell
Eine komfortable Kommunikation ist nur möglich, wenn die auf den physikalischen Leitungen
existierenden Probleme wie Übertragungsfehler, Überlastung der Leitungen, Synchronitätsverlust
oder Unerreichbarkeit der an der Kommunikation beteiligten Systeme überwunden werden. Es gibt
zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze, um diesen abzuhelfen:
Protokollerweiterung
In die bereits verwendeten und bekannten Protokolle werden Mechanismen eingebaut, um die
zusätzlichen Probleme zu lösen. Das würde bedeuten, immer wieder die gleichen grundlegenden
Probleme mit den gleichen Mitteln (wie Protokollmeldungen, Timeouts etc.) in verschiedenen
Übertragungsprotokollen (wie z.B. LAPB, Datex-P) zu lösen.
Strukturierter Ansatz
Die bei einer Kommunikation auftretenden Probleme werden in strukturierter, modularisierter
Weise angegangen, indem man verschiedene Protokolle für verschiedene Zwecke entwickelt, die
hierarchisch angeordnet sind. Jede Protokollschicht erweitert die Funktionalität der
darunterliegenden Schicht. Man erhält also eine Hierarchie von austauschbaren Protokollen.
Die Internationale Standardisierungsorganisation ISO hat daher ein Modell für eine solche
hierarchische Kommunikationsarchitektur entwickelt, das sogenannte Referenzmodell für Offene
Kommunikationssysteme, Open System Interconnection, kurz OSI-Modell. Das OSI-Modell wurde
1984 in der Norm ISO 7498 festgeschrieben (siehe
[26]).
Jede Schicht des OSI-Modells hat die Aufgabe, einen bestimmten Aspekt der Kommunikation zu
behandeln. Diese Bereitstellung einer Kommunikationsleistung nennt man Dienst (Service). Oberhalb
einer Schicht ist nur ihr Dienst bekannt und nicht, wie er von dieser Schicht unter Zuhilfenahme der
darunterliegenden Schicht erbracht wird.
Es sind 7 Schichten von der CCITT benannt und im Rahmen der X.200-Serie veröffentlicht worden.
X.200 enthält die Beschreibung des OSI-Modells, X21n definiert dabei die Dienste der Schicht n,
X.22n spezifiziert das zugehörige Protokoll. Die Schichten bauen wie folgt aufeinander auf
[26]:

Abb. 3:Die sieben Schichten des OSI-Referenzmodells
Bitübertragungsschicht
Diese Schicht beschreibt die Übertragung von Signalen auf einem konkreten
Kommunikationsmedium wie z.B. dem analogen Telefon oder digitalen ISDN-Leitungen. Dabei
werden die Parameter der Bit- und Bytesynchronisation, Bit- und Bytetakt, Informationspegel,
Repräsentation von Signalen, Übertragungsraten und Übertragungsrichtung festgelegt.
Die Bitübertragungschicht stellt hierbei als Dienst eine Übertragung von einzelnen Bits über ein
zu einem Kommunikationspartner direkt vorhandenes Kommunikationsmedium zur Verfügung.
Es wird nur eine Kommunikation auf einem einzelnen Übertragungsabschnitt betrachtet. Werden
z.B. Modems (Modulator/Demodulator) verwendet, können hier die international
standardisierten Protokolle V.34 oder V.21 als Schicht-1-Protokoll benutzt werden.
Abschnittssicherungsschicht
Der Dienst der Abschnittssicherungsschicht stellt eine vor Übertragungsfehlern weitgehend
gesicherte und vor Überlastung geschützte Übertragung von größeren Informationseinheiten
(frames 1) zur Verfügung und bedient sich dabei der Dienste der Bitübertragungsschicht. Wie bei
der Bitübertragungsschicht wird hier auf einem einzelnen Übertragungsabschnitt operiert.
Zusätzlich zur Übertragungsgüte der Schicht 1 realisiert die Schicht 2 den Bytetakt, Gruppierung
und Sortierung von Informationseinheiten, Reduktion von Übertragungsfehlern bzw. die
Wiederholung der Daten bei Datenverlust und Schutz vor einer Datenüberschwemmung beim
Empfänger durch Anwendung von Flußkontrollmechanismen.
Vermittlungsschicht
Da es generell unmöglich ist, zwischen allen potentiellen Kommunikationspartnern direkte
Leitungen zu verlegen, werden die Endkommunikationsstellen zumeist über ein
Vermittlungssystem der Schicht 3 angeschlossen.
Dabei verwaltet das verwendete Protokoll der Vermittlungsschicht einen Adressraum, um über
mehrfach genutzte Leitungen einzelne Kommunikationspartner anzusprechen. Das Schicht 3
Protokoll muß dabei die Probleme der Wegewahl durch das Netz lösen, virtuelle Verbindungen
über eine physikalische Leitung schaffen und Maßnahmen zur Netzkopplung ergreifen.
Die Protokolle der Vermittlungsschicht sollen hier nicht genauer erläutert werden. Das im
Internet grundlegende Protokoll der Schicht 3 namens IP wird weiter unten auf Seite 11 erklärt.
Transportschicht
Die Hauptaufgabe der Transportschicht besteht in der Kostenoptimierung und der Verbesserung
der Dienstqualität. Die Transportschicht kann dabei die gewünschte Qualität der Verbindung
durch geeignete Protokollmechanismen tatsächlich erbringen. Um die verschiedenen Abstufungen
der Dienste der Transportschicht zu erbringen, wurden von der ISO dabei vier Klassen von
Transportprotokollen angeboten, sie unterscheiden sich nach folgenden Funktionalitätsgruppen:
1. Adressierung von Anwendungen innerhalb der Endsysteme
2. Segmenting/Reassembling
3. Fehlererkennung und -behebung
4. Kostenoptimierung
5. Sonstiges wie Resequencing, Splitting und Recombining
Die verschiedenen Transportprotokolle sollen hier nicht genauer erläutert werden, das im
Internet und im Rahmen dieser Arbeit verwendete Protokoll namens TCP wird weiter unten auf
Seite 11 erklärt.
Kommunikationsschicht, Darstellungsschicht
Diese beiden Schichten ermöglichen grundsätzlich eine gesteuerte Kommunikation von
Anwendungen, in dem z.B. die Rollen bei der Übertragung und Teile verschiedener zu
übertragener Dateien und Dokumente genau identifiziert werden. Dazu werden auch Syntaxen
zur Aushandlung von Übertragungsmodi und Transferprotokollen definiert (z.B. die Abstract
Syntax Notation 1 (ASN.1)
[12], mit der z.B. die Strukturen der PCSS-internen Daten definiert
werden). Die später vorgestellten Dienste benutzt keine Protokolle dieser beidern Schichten.
Anwendungsschicht
In der Anwendungsschicht können Dienste dann abstrakt gekapselt und modelliert werden, d.h.
die Kommunikation mit einem Dienst wird festgelegt, Implementierung und darunterliegende
Protokolle bleiben jedoch frei wählbar. Die Anwendungsschicht ist im Rahmen dieser Arbeit nur
von Interesse, da mit ihrer Hilfe Dienste allgemein festgelegt wurden, deren konkrete
internetspezifische Ausprägung später genauer betrachtet wird. Zu nennen sind hier z.B. File
Transfer, Access and Management (FTAM), eine Client/Server-Lösung zur Realisierung eines
virtuellen Dateienspeichers. Sein Gegenstück im Internet ist dabei das File Transfer Protocol
(FTP).
1) Frames sind grundsätzlich nur eine Anzahl von digitalen Werten, die zu einer Informationseinheit zusammengefaßt
werden. In der Videotechnik werden frames jedoch anders definiert.